Aus dem letzten Kapitel
(Kapitel 5.2 Das Einsteinsche Äquivalenzprinzip)
wissen wir, dass in der allgemeinen Relativitätstheorie
lokal kein Unterschied zwischen einem beschleunigten Bezugssystem und
einer Gravitationswirkung besteht. Daher kann man lokal auch immer ein frei fallendes
Bezugssystem finden, in dem man die Gravitation nicht spürt.
Aber: Weit entfernte Objekte nehmen wir in einem Gravitationsfeld zumeist als beschleunigt wahr,
auch wenn wir uns selber im freien Fall befinden. Ein Beispiel sind zwei Satelliten,
die auf verschiedenen Bahnen die Erde umkreisen. In jedem Satellit spürt
man keine Gravitation, aber der jeweils andere Satellit erscheint den schwerelosen Insaßen
des einen Satelliten als beschleunigt (d.h. er bewegt sich nicht auf einer geradlinig-gleichförmigen Bahn
im Bezugssystem des einen Satelliten).
Die Unmöglichkeit, ein globales Bezugssystem zu finden,
in dem sich alle frei fallenden Objekte unbeschleunigt zueinander bewegen, ist daher
in der allgemeinen Relativitätstheorie die kennzeichnende Eigenschaft von Gravitation.
Mathematisch verhindert die Gravitation, dass man global die Raumzeit mit
karthesischen Koordinaten und Minkowski-Metrik beschreiben kann.
Aus der Differentialgeometrie weiß man, dass dies genau dann unmöglich ist,
wenn der Riemannsche Krümmungstensor ungleich Null ist:
Gravitation bedeutet mathematisch, dass der Riemannsche Krümmungstensor für die Raumzeit
ungleich Null ist.
Was ist die Ursache für diese nicht-verschwindende Krümmung der Raumzeit?
Im Newtonschen Gravitationsgesetz entsteht Gravitation durch die Anwesenheit von Masse.
Man muss also versuchen, das Newtonsche Gravitationsgesetz durch eine
koordinaten-unabhängige (tensorielle) Beziehung zwischen Materie und Raum-Zeit-Krümmung
zu verallgemeinern, so dass sich im nichtrelativistischen Grenzfall wieder das Newtonsche
Gravitationsgesetz ergibt.
Es ist keineswegs einfach, diese Verallgemeinerung zu finden, und auch Einstein hat
dafür einige Zeit benötigt.
So erinnert sich Einstein im Juni 1933 an die Jahre vor 1915:
Aber das ahnungsvolle, Jahre währende Suchen im Dunkeln mit seiner gespannten Sehnsucht,
seiner Abwechslung von Zuversicht und Ermattung und seinem endlichen Durchbrechen zur Klarheit,
das kennt nur, wer es selber erlebt hat.
Man kann das verallgemeinerte Gravitationsgesetz nicht streng
ableiten oder beweisen, sondern man kann nur intelligent raten, wie es aussehen sollte,
und dann die physikalischen Konsequenzen des gefundenen Gesetzes untersuchen und
letztlich im Experiment verifizieren. Die folgende Darstellung orientiert sich u.a. an
Kapitel 4 Einstein field equations in
Matt Visser:
notes on general relativity,
Math 465,
im Folgenden mit [MV]
abgekürzt (ich konnte den Text leider im Internet nicht mehr wiederfinden).
Die Rechnungen werde ich dabei nicht im Detail hier wiederholen, sondern ggf.
kurz inhaltlich zusammenfassen.
Das Newtonsche Gravitationsgesetz für das Gravitationspotential lautet für
eine Massendichte allgemein
mit der Gravitationskonstante (das tiefergestellte steht für Newton
und dient zur Unterscheidung vom Einstein-Tensor , den wir bald benötigen).
Bei einer punktförmigen Materieansammlung der Gesamtmasse im Koordinaten-Nullpunkt
ergibt sich nach dem Integralsatz von Stokes
bei Integration über ein Kugelvolumen mit Radius
bzw. Integration über die Kugeloberfläche
dann für die linke Seite Folgendes:
Für die rechte Seite erhalten wir
Vergleich beider Seiten ergibt:
und mit somit das bekannte Newtonsche Gravitationsgesetz.
Wie kann man nun versuchen,
die obige nichtrelativistische Gleichung
(also das Newtonsche Gravitationsgesetz) relativistisch zu verallgemeinern?
Bei der beschleunigten Rakete hatten wir gesehen, dass die Gravitationsbeschleunigung
(also klassisch die Gravitationskraft) durch das Christoffelsymbol
entsteht, wenn die Rakete in -Richtung beschleunigt
(siehe Kapitel 5.2 Das Einsteinsche Äquivalenzprinzip ).
Das lässt sich auch ganz allgemein für
die Beschleunigung eines zuvor ruhenden Objektes zeigen
(siehe [MV] Kapitel 3.3). Also muss im nichtrelativistischen Grenzfall
proportional zur klassischen
Gravitationsbeschleunigung sein.
Das Newtonsche Gravitationsgesetz enthält nun wiederum zweite Ableitungen
des Gravitationspotentials , was ersten Ableitungen der
Christoffelsymbole entspricht.
Die linke Seite
wird beim verallgemeinerten Gravitationsgesetzes also
vermutlich Christoffelsymbole (wollen wir nicht ausschließen)
und erste Ableitungen dieser Symbole enthalten.
Welche koordinatenunabhängigen Objekte (Tensoren), die sich so bilden lassen, kommen
für das verallgemeinerte Gravitationsgesetz in Frage?
Zur Klärung dieser Frage ist es nützlich, sich zunächst Raumbereiche anzusehen, in denen
sich keine Materie oder irgendwelche Energieformen (z.B. Licht) befinden.
Das bedeutet nicht, dass in diesen Raumbereichen keine Gravitation herrscht,
denn die gravitationserzeugende Materie kann sich ja außerhalb des betrachteten Raumbereichs befinden.
So könnten wir uns beispielsweise für den materiefreien Raum um einen Stern herum
interessieren (zumindest wollen wir ihn als weitgehend materiefrei ansehen).
Das Newtonsche Gravitationsgesetz für leere Raumbereiche lautet
Wir suchen nun einen geeigneten Tensor, der erste Ableitungen der Christoffelsymbole
enthält und der an die Stelle der linken Seite dieser Gleichung tritt
(der also für leere Raumbereiche gleich Null ist). Zum Glück gibt es nicht allzuviele
Kandidaten, denn die Bedingung, dass ein Tensor entstehen muss (der in Koordinatendarstellung
das entsprechende Transformationsverhalten bei Koordinatenwechseln aufweisen muss),
schränkt die Kombinationsmöglichkeiten erheblich ein.
Schauen wir uns die Kandidaten der Reihe nach an:
Der Riemannsche Krümmungstensor
Den Riemannschen Krümmungstensor hatten wir in Krümmung
bereits ausführlich diskutiert.
Hier eine kurze Wiederholung:
Der Riemannsche Krümmungstensor
kann koordinatenfrei als Abbildung definiert werden,
so dass der Ausdruck
ein Tangentialvektor ist.
Dabei gibt (geeignet normiert) an, wie sich der Tangentialvektor
verändert, wenn er entlang eines durch und
aufgespannten infinitesimalen Rechtecks im Kreis paralleltransportiert wird.
In Komponenten ausgeschrieben ist
und es gilt
d.h. der Krümmungstensor enthält wie gewünscht erste Ableitungen der
Christoffelsymbole. Man erkennt, dass
antisymmetrisch in den letzten beiden Indices ist.
Ist dieser Tensor ein geeigneter Kandidat, den wir in
materiefreien Raumbereichen gleich Null setzen können, auch wenn
Gravitation vorliegt?
Aus dem letzten Kapitel wissen wir, dass dies bedeuten würde, dass
sich überall im materiefreien Raumbereich ein einziges Inertialsystem
einführen ließe, so dass in dem Raumbereich keinerlei Gravitation herrschen würde.
Die Christoffelsymbole wären in diesem Koordinatensystem alle im gesamten
materiefreien Raumbereich gleich Null. Das würde viel zu weit gehen,
denn wir könnten beispielsweise die Gravitation im leeren Raum um einen
Stern herum nicht beschreiben. Der Riemannsche Krümmungstensor ist
also kein geeigneter Kandidat für das verallgemeinerte Gravitationsgesetz!
Der Ricci-Tensor
Den Ricci-Tensor hatten wir bereits am Ende des letzten Kapitels kennengelernt.
Man gewinnt ihn aus dem Riemannschen Krümmungstensor durch Kontraktion des ersten
mit dem dritten Index:
Entsprechend schreiben wir
Dieser Ausdruck hängt nicht vom Koordinatensystem ab.
Im letzten Kapitel hatten wir deshalb auch die folgende
koordinatenfreie Formulierung kennengelernt:
Ohne Torsion (was in unserem Fall zutrifft)
ist der Ricci-Tensor symmetrisch (analog zur Metrik). In 2 und 3 Dimensionen reicht
der Ricci-Tensor zur Beschreibung der Krümmung vollständig aus. In 4 Dimensionen (also auch in der Raumzeit)
benötigt man zur vollständigen Charakterisierung der Krümmung allerdings den Riemannschen Krümmungstensor
von oben. Und genau das ist hier von Vorteil, denn in der vierdimensionalen Raumzeit
ist demnach der Krümmungstensor durch den Ricci-Tensor nicht eindeutig festgelegt.
Wenn wir also für materiefreie Raumbereiche
fordern würden, so kann die Krümmung dennoch ungleich Null sein und Gravitation
könnte damit auch in materiefreien Raumbereichen durch eine nicht-verschwindende Krümmung
beschrieben werden. Daher kommt der Ricci-Tensor als Kandidat für das verallgemeinerte Gravitationsgesetz
in Frage.
Andere Kontraktionen des Krümmungstensors
Man kann sich natürlich fragen, warum man oben ausgerechnet den ersten mit dem dritten
Index im Riemannschen Krümmungstensor kontrahiert.
Wegen der Antisymmetrie in den letzten beiden Indices hätte man auch den ersten mit dem vierten
Index kontrahieren können. Das Ergebnis wäre der Ricci-Tensor mit negativem Vorzeichen, also nichts
wesentlich Neues.
Man hätte auch den ersten mit dem zweiten Index kontrahieren können:
Dieser Tensor ist in der allgemeinen Relativitätstheorie gleich Null
(siehe [MV2] Kapitel 3.6 Riemann curvature S.58) und spielt daher keine Rolle.
So ist es offenbar auch mit anderen Kontraktionen:
Aufgrund der Symmetrien des Riemannschen Krümmungstensors (Bianchi-Identitäten etc.)
sind sie entweder Null oder im Wesentlichen gleich dem Ricci-Tensor.
Der Weyl-Tensor
Aufgrund der Symmetrien hat der Riemannsche Krümmungstensor in 4 Dimensionen
nur 20 unabhängige Komponenten. Davon kann man 10 unabhängige Komponenten dem obigen Ricci-Tensor
zuordnen. Die anderen 10 unabhängigen Komponenten wiederum kann man dem sogenannten
Weyl-Tensor zuordnen (siehe [MV2] Kapitel 6.8 The Weyl tensor – Details lasse ich hier weg).
Man könnte also alternativ zum Ricci-Tensor auch den Weyl-Tensor als Kandidaten für
das verallgemeinerte Gravitationsgesetz in Betracht ziehen. Auch hier könnte man
in materiefreien Raumbereichen diesen Tensor gleich Null setzen und behielte
noch Freiheitsgrade im Krümmungstensor, um die Gravitation in diesem
Raumbereich zu beschreiben. Dies wurde im Rahmen von Nordstroms konform-flachen Modell
in den Jahren bis etwa 1920 tatsächlich auch versucht.
Der Weyl-Tensor hat nun eine charakteristische Eigenschaft:
Führt man eine konforme Transformation der Koordinaten durch
(d.h. in neuen Koordinaten ist die metrische Matrix gleich der alten metrischen
Matrix mal einer positiven Konstanten ), so ist auch der Weyl-Tensor
in neuen Koordinaten gleich dem Weyl-Tensor in alten Koordinaten multipliziert mit .
Man kann nun zeigen: Wenn der Weyl-Tensor in einem Raumbereich gleich Null ist, so
ist der Raum dort konform-flach, d.h. die Metrik ist gleich der Minkowski-Metrik,
multipliziert mit .
Nun werden Lichtstrahlen
durch Geodäten dargestellt, bei denen der Tangentialvektor überall Metrik gleich Null hat:
(man spricht deshalb auch von Null-Geodäten).
Diese Aussage ändert sich auch durch Umparametrisierungen nicht.
Der Kurvenparameter ist bei solchen lichtartigen Kurven natürlich nicht
gleich der Eigenzeit, da diese für diese Kurven nicht definiert ist
– Licht altert nicht!
Man kann nun zeigen, dass in konform-flachen Räumen die Null-Geodäten (also Lichtstrahlen)
genauso außehen wie im Minkowskiraum der speziellen Relativitätstheorie, d.h.
es gibt keine Lichtablenkung durch die Gravitation.
Das aber widerspricht den experimentellen Resultaten, d.h.
Nordstroms konform-flaches Modell und damit der Weyl-Tensor scheiden als
Kandidaten für das verallgemeinerte Gravitationsgesetz aus!.
Man sieht, wie komplex die Sache im Detail ist und welche Möglichkeiten es gibt.
Einsteins verallgemeinertes Gravitationsgesetz liegt also keineswegs wie selbstverständlich
auf der Hand. Kein Wunder, dass es auch Einstein nicht leicht fiel, es zu finden.
Der Ricci-Skalar
Auch den Ricci-Skalar hatten wir am Ende des letzten Kapitels bereits kennengelernt.
Mit Hilfe der inversen metrischen Matrix kann man nämlich die Spur über die Indices des Ricci-Tensors bilden
und so den Ricci-Skalar (auch skalare Krümmung genannt) definieren:
wobei das kleine bei der Spur unten andeutet, dass vor der Spurbildung der erste Index mit der Metrik
hochgezogen wird. Für die Definition des Ricci-Skalars benötigt man also eine Metrik!
Der Ausdruck für hängt nicht vom Koordinatensystem ab.
In 2 Dimensionen (also bei Flächen) reicht
der Ricci-Skalar zur Beschreibung der Krümmung vollständig aus, aber nicht mehr in 3 Dimensionen.
In materiefreien Raumbereichen wäre dann der Ricci-Skalar gleich Null zu setzen.
Das würde jedoch für den Krümmungstensor noch sehr viele Freiheiten
bedeuten und führt zu sehr merkwürdigen Lösungen für die Raum-Zeit-Geometrie
der materiefreien (aber nicht gravitationsfreien) Raumzeit
([MV] erwähnt z.B. sogenannte traversable wormhole solutions).
Solche Lösungen sind nicht möglich, wenn wir den Ricci-Tensor gleich Null setzen.
Fazit:
Wenn man sich die verschiedenen Möglichkeiten ansieht, so gelangt man zu dem
Schluss, dass der Ricci-Tensor am geeignetsten erscheint,
um die linke Seite des Newtonschen Gravitationsgesetzes
zu verallgemeinern. Im materiefreien Raum wäre dann
den Ricci-Tensor gleich Null, was genau das richtige Maß an Freiheit für
den Krümmungstensor erlaubt. Weiter unten werden wir sehen, dass wir damit fast richtig,
aber dennoch nicht ganz richtig geraten haben. Mehr dazu später.
Der Energie-Impuls-Tensor
Kommen wir zur rechten Seite des Newtonschen Gravitationsgesetzes
Wie können wir die Materiedichte so verallgemeinern, dass sich eine
sinnvolle tensorielle Gleichung ergibt?
Eine sehr schöne Darstellung dazu habe ich in [MV] Kapitel 4.3 ff. gefunden:
Gravitation beschreibt in der allgemeinen Relativitätstheorie die Tatsache,
dass man kein großräumiges Inertialsystem einführen kann, in dem sich
alle frei fallenden Objekte unbeschleunigt bewegen.
Es liegt daher nahe, sich die Bewegung zweier frei fallender
Körper anzusehen und zu untersuchen,
wie die Flugbahnen auseinander laufen.
Um die Diskussion einfach zu halten, nehmen wir an, dass die beiden Körper
sehr dicht beieinander starten.
In der Newtonschen Physik sieht das Ganze dann so aus:
Zwei frei fallende Teilchen (oder sonstige Objekte) bewegen sich auf zwei eng benachbarten
Flugbahnen und . Es gelten im Gravitationspotential
die Bewegungsgleichungen
Wir wollen dabei annehmen, dass die beiden Teilchen so leicht sind, dass die Gravitation zwischen ihnen
keine Rolle spielt. Nur das äußere Gravitationspotential soll ihre freie Fallbewegung steuern.
Stellen Sie sich gerne zwei Satelliten auf eng benachbarten Flugbahnen vor, die die Erde umkreisen.
Der kleine Abstand
zwischen den beiden Teilchen
entwickelt sich demnach im Gravitationspotential zeitlich so:
wobei wir bei den eng benachbarten Teilchen in erster Ordnung die Näherung
verwendet haben.
Wenn wir unser Ergebnis in Komponenten ausschreiben und damei die Abkürzung
verwenden, so haben wir:
Andererseits ist
Diese Gleichung verbindet also den Gezeitenkräfte-Tensor mit der Anwesenheit von Materie
in der Newtonschen Gravitationstheorie.
Der kleine Abstand zwischen zwei eing benachbarten Objekten,
die sich in einem Gravitationsfeld im freien Fall befinden, verändert sich
aufgrund der Gezeitenkräfte (also aufgrund der lokalen Unterschiede im Gravitationsfeld).
Analog kann man auch in der allgemeinen Relativitätstheorie vorgehen.
An die Stelle der obigen Bewegungsgleichungen treten die Geodätengleichungen mit den
Christoffelsymbolen. Nach längerer Rechnung (siehe [MV] Kapitel 4.4) ergibt sich:
mit
wobei der Tangentialvektor (Vierer-Geschwindigkeitsvektor) der Bewegung eines der Teilchen ist
(egal welches, da sie auf sehr ähnlichen Flugbahnen fliegen sollen) und entsprechend die
zugehörige Eigenzeit ist.
[MV] bezeichnet die obige Gleichung auch als
equation of geodesic deviation. Man sieht schön, dass der Krümmungstensor hier die
Ursache für das Auseinanderlaufen der Geodäten ist.
In John Baez, Emory Bunn:
The Meaning of Einstein's Equation (auch unter
arXiv:gr-qc/0103044),
wird diese Gleichung ebenfalls hergeleitet,
allerdings direkt (ohne lange Rechnung) mit Hilfe der geometrischen Definition
des Krümmungstensors durch Parallelverschiebung entlang eines infinitesimalen Rechtecks
(siehe oben sowie Krümmung).
Die relativistische Gleichung sieht ganz analog zur Gleichung der Newtonschen Physik aus. Sie sollte
im nichtrelativistischen Grenzfall bei schwacher Gravitation in letztere übergehen
(die metrische Matrix, speziell liefert dabei das Analogon zum Potential ).
Das sieht schon mal gut aus.
Was uns aber noch fehlt, ist das relativistische Analogon zur nichtrelativistischen Gleichung
die das Newtonsche
Gravitationsgesetz beschreibt. Wir wollen daher für das relativistische Analogon den
folgenden Ansatz machen:
Dabei ist die relativistisch verallgemeinerte
Materiedichte, wie sie ein Beobachter messen würde, der sich mit Vierergeschwindigkeit
bewegt – was das bedeuten soll, müssen wir uns gleich noch überlegen.
Die linke Seite können wir schon mal ausrechnen (wobei wir die Antisymmetrie des
Krümmungstensors in den letzten beiden Indices verwenden):
so dass unser Ansatz für ein verallgemeinertes Gravitationsgesetz lautet:
Das passt sehr gut zu unserer Überlegung weiter oben, in der wir den Ricci-Tensor
für materiefreie Raumbereiche gleich Null setzen wollten. Genau das erhalten wir, wenn
wir in unserem Ansatz jetzt gleich Null setzen und für beliebige
Geschwindigkeiten zulassen.
Bisher ist unser langsames Vortasten in Richtung eines relativistischen Gravitationsgesetzes
zumindest konsistent.
Bleibt die Frage: Was ist nun genau?
In der nichtrelativistischen Newtonschen Physik war
eine Massendichte. Ist zu erwarten, dass in der allgemeinen Relativitätstheorie
ebenfalls nur Massen ein Gravitationsfeld erzeugen?
Das wäre sehr merkwürdig, da schon in der speziellen Relativitätstheorie
(träge) Masse in Energie umgewandelt werden kann.
Angenommen, wir haben ein massives Teilchen vor uns, z.B. ein neutrales Pion.
Dieses kann spontan in zwei masselose Photonen zerfallen.
Wenn Gravitation nur von massiven Teilchen erzeugt würde, so würde diese Gravitation
beim Zerfall des Teilchens in masselose Objekte plötzlich ausgeschaltet, was ziemlich
unplausibel klingt.
Plausibler wäre es, wenn auch bezüglich der Gravitationserzeugung Energie und Masse
gleichwertig zueinander wären, so wie dies bezüglich der Trägheit bereits aufgrund der
speziellen Relativitätstheorie der Fall ist. Die beiden Photonen, die beim Zerfall des
Pions entstehen, sollten also genauso wie das Pion zuvor auch ein Gravitationsfeld erzeugen.
Massen- und Energiedichten werden in der speziellen Relativitätstheorie
nicht durch eine skalare Funktion, sondern durch den sogenannten
Energie-Impuls-Tensor dargestellt.
Nur so kann man die relativistischen Zusammenhänge zwischen Massendichten,
Energiedichten und Impulsen sowie deren Flüsse korrekt darstellen
(wir gehen weiter unten noch genauer darauf ein).
Das passt gut zur obigen Gleichung
denn auch aufgrund dieser Gleichung
ist es naheliegend, für
einen Tensoransatz zu machen:
mit
einem Tensor , der genau wie der Ricci-Tensor aus zwei Tangentialvektoren und eine
reelle Zahl (nämlich ) macht.
Wir wollen annehmen, dass dieser symmetrische Tensor gerade
der Energie-Impuls-Tensor ist (deshalb der Faktor ,
denn so erreichen wir, dass die Dimension einer Energiedichte hat, wie wir
gleich sehen werden).
In Komponenten schreiben wir wieder
so dass wir für unseren Ansatz für das verallgemeinertes Gravitationsgesetz
die Gleichung
erhalten. Wir werden etwas weiter unten noch sehen, dass wir hier noch eine kleine Änderung einbauen müssen.
Zunächst aber wollen wir uns den Energie-Impuls-Tensor genauer ansehen:
Der Energie-Impuls-Tensor von Staub
Die einfachste Form einer Materieverteilung, die Gravitation erzeugen kann, bezeichnen
wir als Staub. Darunter stellen wir uns eine Wolke kleiner Staubkörnchen vor, die
sich in einem bestimmten Bezugssystem alle in Ruhe befinden.
Diese Aussage macht natürlich streng genommen nur lokal Sinn.
Wir werden daher im folgenden immer nur kleine Raumbereiche separat betrachten, so dass wir in diesen
Raumbereichen Riemannsche Normalkoordinaten einführen können und die metrische Matrix
in diesen Koordinaten annähernd die Minkowski-Matrix ist. Wir setzen uns damit
in das lokale momentane Ruhe-Inertialsystem eines kleinen Teils der Staubwolke.
Nun lassen wir in diesem Ruhesystem des Staubes zwei Testteilchen an eng benachbarten Stellen
los und betrachten, wie ihre Bahnen aufgrund der Gravitation auseinanderdriften.
Im Moment des Loslassens sollen die Teilchen in Ruhe sein, d.h. im
Ruhesystem des Staubes gilt für die Vierergeschwindigkeiten der beiden Teilchen
Wenn wir von schwachen Gravitationsfeldern ausgehen, haben wir damit den nichtrelativistischen
Grenzfall: Gravitationsquelle (Staub) und Testteilchen ruhen am Anfang relativ zueinander.
Der Ausdruck
müsste also in die nichtrelativistische Massendichte
aus dem Newtonschen Gravitationsgesetz übergehen.
Setzen wir das obige Start- in ein, so ergibt das
d.h. es muss
sein.
Und das ist auch schon alles! Alle anderen Komponenten des Energie-Impuls-Tensors sind
im Ruhesystem des Staubes Null!
Letztlich wird der Begriff Staub genau durch diese Eigenschaft des Energie-Impuls-Tensors definiert.
Wie wir gleich sehen werden, bedeutet das, dass kein Druck sowie keine Kräfte zwischen den
Staubteilchen vorliegen (Staub ist also nicht mit einem Gas zu verwechseln).
Nun können wir auch leicht die Massen-Energie-Dichte ausrechnen, die auf Testteilchen wirkt,
die sich mit Vierergeschwindigkeit
im lokalen Ruhesystem des Staubes bewegen:
Wir sehen hier sehr schön, dass die Massen/Energie-Dichte keine skalare Funktion
ist: Betrachtet man sie aus dem mit Vierergeschwindigkeit bewegten Bezugssystem,
so nimmt sie um den Faktor zu.
Ein Faktor repräsentiert dabei die Zunahme der kinetischen Energie der Staubteilchen,
die ja aus dem mit bewegten Bezugssystem heraus ebenfalls bewegt erscheinen.
Der andere Faktor repräsentiert die Lorentz-Kontraktion des Raumes:
Der Raum erscheint in Bewegungsrichtung um den Faktor verkürzt, und die Staubteilchen
drängen sich entsprechend auf weniger Raum zusammen, was die Energiedichte erhöht.
Zum Vergleich: eine ruhende elektrische Ladungsdichte wird
aus einem mit bewegten Bezugssystem betrachtet nur um den Faktor zuzunehmen.
Dort wirkt sich nur die Lorentzkontraktion aus; die Ladungen selber werden
(anders als die Energie eines Teilchens) bei zunehmender Geschwindigkeit nicht größer.
Daher ist die elektrische Ladungsdichte auch die Null-Komponente eines Vierervektors (die Vierer-Stromdichte),
die Massen-Energie-Dichte dagegen die Null-Null-Komponente eines Tensors mit 2 Indizes
(der Energie-Impuls-Tensor).
Natürlich kann man den Energie-Impuls-Tensor in jedes andere Bezugssystem umrechnen,
denn das Transformationsverhalten ist ja durch die Tensoreigenschaft festgelegt:
darf nicht vom Bezugssystem abhängen. Wir wollen hier noch nicht genauer darauf eingehen
(Details folgen später).
Eine Eigenschaft des Energie-Impuls-Tensors ist noch wichtig:
es gilt in der speziellen Relativitätstheorie für jeden Energie-Impuls-Tensor
allgemein die Gleichung
Dabei wurden die Indizes mit Hilfe der metrischen Matrix nach oben gezogen.
Was diese Gleichung bedeutet, sehen wir weiter unten. Für den Energie-Impuls-Tensor von Staub
können wir die Gleichung lokal im Ruhesystem des Staubes auswerten.
Da nur
ungleich Null ist, ergibt sich:
Im Ruhesystem der Staubkörnchen ändert sich also deren Massen-Energie-Dichte nicht.
Das ist unmittelbar einleuchtend, denn wenn die Staubkörnchen sich nicht bewegen (ist ja das Ruhesystem),
so ändert sich auch
ihre räumliche Massenverteilung nicht.
Der Energie-Impuls-Tensor einer reibungsfreien Flüssigkeit (Gas)
Betrachten wir einen Energie-Impuls-Tensor
(Indices mit der metrischen Matrix hochgezogen), der in einem
lokalen frei fallenden Inertialsystem die folgende Gestalt hat:
ist eine Diagonalmatrix mit
(wie bei Staub)
und , also
Natürlich stellt sich die Frage: Welche Bedeutung hat (der Buchstabe deutet es bereits an:
steht für den Druck)?
Dazu müssen wir uns einige generelle Gedanken über die Bedeutung der
Komponenten in der speziellen Relativitätstheorie machen
(also in karthesischen Minkowskikoordinaten). Siehe dazu z.B.
Feynman Vorlesungen über Physik, Band II Elektromagnetismus und Struktur der Materie
oder Landau, Lifschitz: Lehrbuch der theoretischen Physik,
Band II: Klassische Feldtheorie, §32 Der Energie-Impuls-Tensor.
Wie oben bereits erwähnt, fordern wir für jeden Energie-Impuls-Tensor
in der speziellen Relativitätstheorie in karthesischen Minkowskikoordinaten
allgemein die Gleichung
(warum, sehen wir später).
Wir betrachten nun im vierdimensionalen Minkowskiraum alle Raum-Zeit-Punkte
in einem bestimmten Zeitintervall und nennen die Menge dieser Raum-Zeit-Punkte .
Anschaulich kann man sich einen vierdimensionalen Würfel in der Raumzeit vorstellen, bei dem
man die drei Intervalle der räumlichen Koordinaten immer größer werden lässt und
das zeitliche Intervall festhält.
ist also eine Zeitscheibe der Raumzeit mit einer bestimmten Zeitdicke.
Eine Zeitscheibe in der Raumzeit
Bei der Größe
wollen wir deren Volumenintegral über
die Zeitscheibe bilden:
wobei der Tangentialvektor mit Komponenten
ist.
In koordinatenunabhängiger Schreibweise wäre das
ist mit der 1-Form
und dem Hodge-Sternoperator, der daraus eine 3-Form macht
(siehe die Definition der Divergenz in
Hodge-Sternoperator, Volumenform, Gradient, Divergenz, Rotation ).
Wir führen im Folgenden die koordinatenunabhängige Schreibweise immer mit auf, auch wenn wir sie
nicht unbedingt brauchen.
In Minkowskikoordinaten ist das Volumenelement einfach gegeben durch
(das ist in der allgemeinen Relativitätstheorie in krummlinigen Koordinaten nicht so!).
Der Integrand ist für jedes also die folgende 4-Form
(zu Differentialformen siehe
Höhere Differentialformen und der Integralsatz von Stokes ):
Diese 4-Form können wir andererseits als äußere Ableitung einer 3-Form schreiben:
mit
Dabei ist beispielsweise
Nach dem Integralsatz von Stokes gilt nun
Das letzte Integral geht dabei über den Rand der Zeitscheibe .
Wir wollen nun annehmen, dass zu jeder Zeit im Räumlich-Unendlichen der
Energie-Impuls-Tensor hinreichend schnell gegen Null geht (was bei einer räumlich lokalisierten
Materie-Energie-Verteilung selbstverständlich ist), so dass die Randintegrale
über die räumlich unendlich fernen Randräume mit zwei Orts- und einer Zeitkoordinate
gleich Null sind. Es bleiben dann nur die beiden Randraum-Integrale
mit drei Ortskoordinaten und fester Zeitkoordinate übrig:
Nun ist aber
,
d.h. und somit auch
Die beiden Integrale zur Zeit bzw. müssen also gleich groß sein,
und da und beliebig sind,
bedeutet das, dass das Integral
nicht von der Zeit abhängt.
Da dieses Integral über einen Raum mit konstanter Zeit geht,
trägt nur der Term mit zum Integral bei:
mit dem räumlichen Volumenelement
in karthesischen Koordinaten.
Den Faktor haben wir eingefügt, damit die Dimension eines Impulses hat.
Tatsächlich können wir mit dem Gesamt-Viererimpuls
der betrachteten Massen-Energie-Verteilung ansehen, wenn wir
als Energiedichte der Verteilung interpretieren, denn dann ist
die Gesamtenergie der Verteilung, und da wegen des Tensorcharakters
von ein Vierervektor ist,
muss mit = 1, 2, 3 der zugehörige räumliche Gesamtimpuls
des Systems sein – nur so ist gesichert, dass z.B. eine ruhende Gesamtmasse nach einem Boost
auch einen passenden Gesamt-Impuls besitzt.
Halten wir fest:
Zusammenhang zwischen Gesamtimpuls-Vierervektor und Energie-Impulstensor:
In der speziellen Relativitätstheorie gilt in den karthesischen Minkowski-Koordinaten
eines jeden Inertialsystems:
Einen Tensor , der die Gleichung
erfüllt und bei dem wir die Komponente als Energiedichte
der betrachteten Masse-Energieverteilung interpretieren, bezeichnen
wir als Energie-Impuls-Tensor.
Der Gesamt-Viererimpuls dieser Verteilung ist dann gegeben durch
Insbesondere ist die Gesamtenergie der Verteilung.
Dieser Gesamt-Viererimpuls ist wegen
zeitlich konstant. Aufgrund der obigen Volumenintegration können wir
den Vierervektor mit Komponenten
als Vierer-Impulsdichte-Vektor der
Verteilung interpretieren.
Aber wie kann man die anderen Komponenten von
mit interpretieren?
Beginnen wir mit den räumlichen Komponenten mit = 1, 2, 3
und schreiben die Gleichung
für explizit aus:
Wir können nun über ein räumliches Volumen integrieren und im zweiten
Integral den Integralsatz von Stokes für dreidimensionale Räume
(auch Integralsatz von Gauß genannt) anwenden:
(die gehören hier zum zweidimensionalen räumlichen
Flächenelement, d.h. sie sind die Komponenten des
Flächenelement-Normalenvektors).
Links steht die zeitliche Veränderung der Energie bzw. Masse im Gebiet ,
und rechts steht demnach der Energiefluss durch die Oberfläche des Gebietes,
denn die Gesamtenergie muss ja nach dem oben Gesagten erhalten bleiben.
Daher können wir den räumlichen Vektor
als Energiestrom pro Flächeneinheit interpretieren, ganz analog
zur Flächenstromdichte bei Ladungsströmen.
Nun fehlt nur noch die Interpretation der räumlichen Komponenten
mit = 1, 2, 3 und = 1, 2, 3.
Auch hier können wir wie gerade zuvor die Gleichung
herleiten.
Da oben der Vierer-Impulsdichte-Vektor war,
sind die räumlichen Komponenten des Impulsdichte-Vektors.
Auf der linken Seite steht also die zeitliche Änderung der i-ten räumlichen
Komponente des Gesamtimpulses im Gebiet , und rechts steht demnach
der Impulsfluss der i-ten Impulskomponente durch die Oberfläche von ,
denn der Gesamtimpuls muss insgesamt erhalten bleiben.
Daher können wir den räumlichen Vektor
als Impulsstrom der i-ten Impulskomponente pro Flächeneinheit interpretieren.
Der Ausdruck
mit dem Skalarprodukt zwischen und dem
Flächenelement-Normalenvektor ist also der durch das Flächenelement
strömende Impulsfluss der i-ten Impulskomponente.
Nun kann man in vielen Fällen diesen Impulsstrom auch ganz anschaulich als eine Kraftwirkung
auf das Flächenelement interpretieren. Man kann sich z.B. ein geschlossenes
Gefäß vorstellen, in dem sich ein Gas befindet. Das Innere ist dann das Raumgebiet , und
die dünne Gefäßwand ist der Rand des Raumgebietes.
Schauen wir uns ein kleines Flächenelement auf der Gefäßwand mit
Flächenelement-Normalenvektor an.
Die Gasmoleküle prallen auf die Gefäßwand,
wodurch sich ihr Impuls ändert, d.h. es entsteht ein Impulsfluss durch die Wand.
Dem entspricht eine Kraft auf die Wand, die genau der mittleren zeitlichen Änderung
der Impulse der Gasmoleküle entspricht. Die Kraft pro Fläche ist gleich dem Impulsstrom
pro Fläche. Daher können wir
auch interpretieren als i-te Komponente der Kraft, die auf das Flächenelement
wirkt.
Man bezeichnet den 3-mal-3-Tensor
auch als Spannungstensor. Mit ihm lassen sich die inneren Kräfte
z.B. in Festkörpern oder Gasen beschreiben.
Wenn diagonal ist mit identischen
Diagonalelementen, so
ist die Kraft immer parallel zum Flächenelement-Normalenvektor, also senkrecht zur Fläche.
Das ist z.B. bei Gasen oder Flüssigkeiten der Fall, wenn man die Viskosität (Zähigkeit)
vernachlässigt. Wenn wir in diesem Fall also
schreiben, so ist die Kraft auf ein Flächenelement
mit Flächenelement-Normalenvektor gegeben durch
. Das ist für genau die Definition des Drucks!
Genau so hatten wir den Energie-Impulstensor für eine reibungsfreie Flüssigkeit
(oder ein reibungsfreies Gas) oben aufgebaut, und nun wissen wir auch, warum
darin die Interpretation eines Drucks haben muss!
Es ist interessant, sich einmal die Analogien zwischen elektrischer Ladung und Energie bzw. Impuls
klar zu machen – dann versteht man auch, warum man für Energie und Impuls einen Tensor
braucht, für die elektrische Ladung dagegen nur einen Vierervektor:
Wir gehen zunächst einfach davon aus, dass wir für die relativistische Beschreibung elektrischer
Ladungs- und Stromverteilungen einen Vierervektor
und für die relativistische Beschreibung
von Energie- und Impulsverteilungen einen Tensor
benötigen. Es gelten die Kontinuitätsgleichungen
Aufgrund dieser Kontinuitätsgleichungen kann man (wie weiter oben gezeigt)
herleiten, dass die folgenden Größen zeitlich konstant sind:
d.h. wir können als die räumliche Dichte der Größe und
für jedes
als die räumliche Dichte der Größe interpretieren.
Jetzt sehen wir auch, warum wir für Energie und Impuls den Index brauchen:
nicht nur ist erhalten, sondern auch .
Und: Die Energie ist anders als die Ladung kein Skalar,
sondern die nullte Komponente eines Vierervektors,
verhält sich also anders bei Bezugssystemwechseln (die Integrale rechts kann man auch
invariant schreiben, indem man über einen raumartigen dreidimensionalen Schnitt durch die
Raumzeit integriert).
Gesamtenergie und Gesamtimpuls eines Systems müssen in der Relativitätstheorie einen
zeitunabhängigen Vierervektor bilden (sofern keine äußeren Kräfte wirken)!
Dies erklärt den ersten Index von .
Der zweite Index ist notwendig, wenn man zu den zeitunabhängigen
Gesamt-Größen die entsprechenden
zeitabhängigen räumlichen Dichten und Flächenstromdichten bilden möchte,
so wie dies analog bei der elektrischen Stromdichte
der Fall ist. Dies zeigt der folgende Punkt:
Man kann aus der Kontinuitätsgleichung (wie weiter oben gezeigt)
die Gleichungen
ableiten ( läuft von 1 bis 3).
So wie wir oben als die räumliche Dichte der Größe und
als die räumliche Dichte der Größe interpretieren,
so können wir aufgrund dieser Gleichungen den räumlichen Vektor
als Flächenstromdichte
der Größe und den räumlichen Vektor
für jedes als
Flächenstromdichte der Größe interpretieren.
Kommen wir noch einmal zurück zum Gesamt-Viererimpuls
Diese Größe ist für eine Materie-Energie-Verteilung in einem gegebenen Inertialsystem
eindeutig und wegen
auch zeitunabhängig.
Es zeigt sich aber, dass verschiedene Energie-Impuls-Tensoren
zum selben gesamt-Viererimpuls führen können.
Betrachten wir konkret den Tensor
mit Antisymmetrie in den beiden hinteren Indizes bei , also
Wir rechnen leicht nach, dass auch
ist, denn wegen der Antisymmetrie
von in den beiden hinteren Indices und der Vertauschbarkeit der
Ableitungen ist
Außerdem ist der Gesamt-Viererimpuls von und
derselbe, wenn wir fordern, dass im räumlich Unendlichen
(also dem unendlich fernen Rand ) so stark gegen Null geht, dass gilt
(wegen der Antisymmetrie ist übrigens unten ):
Woher kommt nun die Mehrdeutigkeit im Energie-Impuls-Tensor?
Im Grunde reicht die Formel
nicht aus, um
als Vierer-Impulskomponenten des Volumenelementes zu interpretieren.
Man weiß lediglich, dass die Terme über das gesamte Volumen aufintegriert
den Gesamt-Viererimpuls ergeben.
Wir können jedoch ein weiteres Objekt hinzunehmen; den
vierdimensionalen Drehimpulstensor.
Eine detaillierte Darstellung dazu findet man z.B. in
Landau, Lifschitz: Lehrbuch der theoretischen Physik, Band II: Klassische Feldtheorie.
Dort wird gezeigt, dass im vierdimensionalen Drehimpulstensor
sich die Terme nur dann
als Vierer-Impulskomponenten des Volumenelementes interpretieren lassen, wenn
der Energie-Impuls-Tensor symmetrisch ist!
Schauen wir uns das etwas genauer an:
In der speziellen Relativitätstheorie ist die Zeitunabhängigkeit des Gesamt-Viererimpulses
eine Folge davon, dass Verschiebungen der Raum- und Zeitkoordinate
die Physik des Systems nicht ändern (Translationsinvarianz).
Insgesamt muss aber die Physik in der speziellen Relativitätstheorie
unter einer größeren Symmetriegruppe invariant sein:
der Poincarégruppe. Neben Translationen der Raum-Zeit-Koordinaten
gehören dazu die Lorentztransformationen, also die linearen Transformationen
der Raum-Zeit-Koordinaten, so dass sich die Minkowskimetrik von Vierervektoren
nicht ändert (siehe Kapitel 3.5 Die mathematische Struktur der Poincarégruppe ).
Die Invarianz unter Lorentztransformationen führt zu einer weiteren zeitlich erhaltenen Größe:
dem vierdimensionalen antisymmetrischen Drehimpulstensor. Bei einem System aus Massepunkten (Teilchen)
lautet dieser Tensor:
Dabei kennzeichnet der Index das -te Teilchen.
Bei den räumlichen Komponenten erkennt man den
dreidimensionalen Drehimpulsvektor wieder:
usw..
Wenn wir nun zu einer kontinuierlichen Massenverteilung übergehen, so würden wir
gemäß der Formel
gerne den Term
als -te Impulskomponente des Volumenelementes
interpretieren.
Wenn wir das tun und diesen Term für die
Impulskomponenten in der -Formel einsetzen sowie die Summe durch
ein Raumintegral ersetzen,
dann hätte die Form
Welche Bedingung muss der Integrand erfüllen, damit dieser Tensor zeitunabhängig ist?
Vergleichen wir diesen Ausdruck mit dem zeitunabhängigen Viererimpuls
Wenn wir darin durch
ersetzen, so erhalten wir den Drehimpulstensor .
Nun hatten wir oben gezeigt, dass die Kontinuitätsgleichung
zur Zeitunabhängigkeit von
führt. Analog fordern wir die Kontinuitätsgleichung
und können vollkommen analog zum Viererimpuls die Zeitunabhängigkeit nachrechnen.
Diese Gleichung können wir weiter vereinfachen, wobei wir
sowie die Kontinuitätsgleichung
verwenden:
d.h. der Energie-Impuls-Tensor muss symmetrisch sein.
Halten wir fest:
Symmetrie des Energie-Impuls-Tensors:
Wenn wir für den Gesamtimpuls und den vierdimensionalen Drehimpulstensor
gleichzeitig die Ausdrücke
verwenden wollen, so dass der Term
als -te Impulskomponente des Volumenelementes
interpretiert werden kann, und wenn
Gesamtimpuls und Drehimpulstensor zeitlich konstant sein sollen
(also eine entsprechende Kontinuitätsgleichung erfüllen),
so muss der Energie-Impuls-Tensor symmetrisch sein.
Ein letztes Argument für die Symmetrie zumindest der räumlichen Komponenten
von ergibt sich, wenn man das Drehmoment, das auf ein Volumen wirkt,
einmal über die im Volumen wirkende Kraftdichte und einmal über die Kraft auf die
Oberfläche ausdrückt. Nur wenn die räumlichen Komponenten von
symmetrisch sind, stimmen die beiden Ausdrücke überein, so dass die Integranden
auch die beabsichtigte Interpretation haben können.
Man kann sich überlegen, dass man
oben in
den freien Zusatzterm
immer so wählen kann,
dass der Energie-Impuls-Tensor symmetrisch wird, so dass wir den Vierervektor mit Komponenten
wirklich als Vierer-Impulsdichte-Vektor der
Verteilung interpretieren können. Auch die anderen Komponenten von
haben dann erst die oben beschriebene Interpretation.
Schauen wir uns an, wie man ein passendes findet:
Zunächst einmal kann man ein allgemeines (nicht unbedingt symmetrisches)
aufteilen in einen symmetrischen und einen
antisymmetrischen Anteil:
Wenn man nun den Term
mit
zu hinzuaddiert, so soll dieser den antisymmetrischen Anteil neutralisieren:
Eine Lösung dieser Gleichung ist
denn wir hatten oben beim Drehimpulstensor bereits die Gleichung
gezeigt.
Es ergibt sich eine sehr interessante Konsequenz, wenn wir die beiden räumlichen Vektoren
mit Komponenten bzw.
miteinander vergleichen (siehe oben):
ist der räumliche Impulsdichte-Vektor (Impuls pro Volumeneinheit)
ist der Energiestrom pro Flächeneinheit
Aus der Symmetrie von folgt, dass
ein Energiestrom immer mit einem Impuls verbunden ist!
Der Energie-Stromflächendichte-Vektor ist gleich dem Impulsdichtevektor (mal ).
Energie verhält sich also in diesem Sinne genau wie Masse (die hier auch als
Energie gerechnet wird). Man kann sich anhand von Beispielen leicht von der Richtigkeit
dieser Aussage überzeugen. Schauen wir uns beispielsweise in einem
gegebenem Inertialsystem einen Fluss von Teilchen der Masse an, die sich alle
mit der Geschwindigkeit bewegen. Die Anzahldichte im Bezugssystem
(Teilchenzahl pro Volumeneinheit) bezeichnen wir mit , und Energie und Impuls eines
Teilchens bezeichnen wir mit und .
Dann sind die Energie-Flächenstromdichte
(Energiedurchfluss pro Zeiteinheit und Flächeneinheit)
und die Impulsraumdichte (Impuls pro Volumeneinheit)
gegeben durch
Für Teilchen mit Masse ist
(dabei ist der Lorentzfaktor) und
deshalb
Auch für masselose Teilchen gilt
mit .
Daher ist in beiden Fällen
und somit
Einstein hat noch ein anderes schönes Argument für diesen Zusammenhang gegeben, das mit dem
Schwerpunkt eines geschlossenen Wagens zu tun hat, in dem eine Energie von einer Wand zur anderen Wand strömt.
Wer möchte, kann diesen Gedankengang beispielsweise nachlesen in
Feynman Vorlesungen über Physik, Band II Elektromagnetismus und Struktur der Materie.
Für den Energie-Impuls-Tensor einer reibungsfreien Flüssigkeit bzw. eines reibungsfreien Gases
hatten wir oben bereits den Ansatz gemacht, dass im lokalen Ruhesystem
der Flüssigkeit eine Diagonalmatrix ist mit
(wie bei Staub)
und (die Indexstellung ist hier egal).
Die obige Diskussion hat gezeigt, dass wir als Massendichte bzw.
als Energiedichte der Flüssigkeit und als den Druck interpretieren können, denn
ist diagonal mit identischen
Diagonalelementen, so
dass die Druckkraft immer senkrecht zur Fläche wirkt
(es gibt also keine Viskosität (Zähigkeit) ).
Die Kraft auf ein Flächenelement
mit Flächenelement-Normalenvektor ist dann gegeben durch
, so wie das bei einem Druck der Fall sein muss.
Rechnen wir wieder die Massen-Energie-Dichte aus, die ein Testteilchen sieht,
welches sich mit Vierergeschwindigkeit
im lokalen Ruhesystem der Flüssigkeit oder des Gases bewegen:
denn beim Übergang zur letzten Zeile ist
Wir haben also
Das bewegte Testteilchen nimmt also nicht nur (wie bei Staub) eine um
verstärkte Energie-Massendichte wahr, sondern
auch der Druck trägt zur wahrgenommenen
Energiedichte bei.
Das kann man auch anschaulich verstehen: Zwar ruht
die Flüssigkeit (das Gas) lokal in unserem Bezugssystem, d.h. die Komponenten
und damit die Gesamtimpulse sind Null.
Dennoch aber bewegen sich natürlich die Moleküle statistisch und bauen so
den Druck auf. Diese mikroskopischen Geschwindigkeiten verändern sich beim Bezugssystemwechsel
und sorgen so für einen Energiedichte-Beitrag, der berücksichtigt werden muss.
Man kann über Lorentztransformationen nun den Energie-Impuls-Tensor in jedes andere
Bezugssystem umrechnen, also z.B. den Energie-Impuls-Tensor einer sich gleichförmig bewegenden
reibungsfreien Flüssigkeit (Gas) ausrechnen. Die Form des Energie-Impuls-Tensors im Ruhesystem der
Flüssigkeit bestimmt zusammen mit dem Transformationsgesetz eindeutig den Energie-Impuls-Tensor
in einem anderen Inertialsystem, denn man kann diesen ja über das Transformationsgesetz
eindeutig ausrechnen. Wenn wir daher eine allgemeine Formel für den
Energie-Impuls-Tensor angeben, die im lokalen Ruhesystem den korrekten
Ruhe-Energie-Impuls-Tensor ergibt und die sich relativistisch richtig transformiert,
so ist diese Formel eindeutig. Für den Energie-Impuls-Tensor einer reibungsfreien Flüssigkeit
lautet diese allgemeine Formel:
Allgemeine Form des Energie-Impuls-Tensors einer reibungsfreien Flüssigkeit (Gas)
in einem beliebigen lokalen Inertialsystem:
mit dem Vierer-Geschwindigkeitsvektor der Flüssigkeit (Gas).
Im Ruhesystem der Flüssigkeit (des Gases) ist und wir haben
d.h. und
wie gefordert. Wir können daher als die lokale
Vierergeschwindigkeit der reibungsfreien Flüssigkeit (des Gases) interpretieren.
Es gibt natürlich neben druckfreiem Staub und reibungsfreien Flüssigkeiten (Gasen) noch weitere
Materieformen, die i.a. auch andere Energie-Impuls-Tensoren aufweisen.
Ein Beispiel sind Festkörper oder auch viskose Flüssigkeiten, die auch
interene Kräfte parallel zu Schnittflächen aufweisen können (sogenannte Scherkräfte).
Zumeist sind diese Scherkräfte allerdings deutlich kleiner als Druck- oder Zugkräfte, so dass
man sie vernachlässigt.
Ein anderes Beispiel ist das elektromagnetische Feld, das ebenfalls einen
Energie-Impuls-Tensor besitzt. Die konkrete Formel findet man in jedem Buch
über Elektrodynamik oder auch im Internet
(siehe z.B. Wikipedia: Energie-Impuls-Tensor).
Wichtig ist, dass hier die Spur des Tensors Null ist:
Es ist interessant, dass innere Kräfte überhaupt einen Beitrag zur Energiedichte leisten,
wenn man sie aus einem anderen Bezugssystem heraus betrachtet.
Und dennoch müssen sie berücksichtigt werden, wenn man Energiedichten relativistisch
korrekt beschreiben möchte.
Ein schönes Beispiel dazu findet man in
Feynman Vorlesungen über Physik, Band II Elektromagnetismus und Struktur der Materie,
Kapitel 28 Elektromagnetische Masse. Dort wird eine kugelförmige statische
negative Ladungsverteilung (also eine Ladungskugel) betrachtet,
mit der man versuchsweise z.B. ein Elektron modellieren kann.
Diese Ladungsverteilung erzeugt ein elektrisches Feld, das eine gewisse Energie aufweist.
Beschleunigt man nun das Elektron und betrachtet Energie und Impuls, so stellt man fest,
dass diese Größen sich nicht wie erwartet verhalten. Die Ursache dafür kennen wir nun:
In einer kugelförmigen statischen negativen Ladungsverteilung stoßen sich die einzelnen Teile
gegenseitig ab. Es muss daher Kräfte geben, die diese Abstoßung kompensieren und die
Kugel zusammenhalten. Diese Kräfte muss man berücksichtigen, um das
Verhalten für Energie und Impuls der Gesamtverteilung korrekt zu beschreiben.
In den meisten Fällen ist der Energie-Impuls-Tensor reibungsfreier Flüssigkeiten
(also meist Gasen oder Plasma oder auch Staub, wenn man den Druck gleich Null setzt)
für die Beschreibung von gravitationserzeugender Materie vollkommen ausreichend.
Verschiedene Materieformen unterscheiden sich dabei
durch eine jeweils charakteristische Zustandsgleichung der Materie, die im lokalen Ruhesystem
den Druck und die Energiedichte miteinander verknüpft:
mit einer Materie- und Temperatur-abhängigen Funktion .
Hier sind einige charakteristische Zustandsgleichungen:
Zustandsgleichungen:
Die meisten reibungsfreien Flüssigkeiten (z.B. Gas):
mit einer Materie- und Temperatur-abhängigen Konstante .
Strahlung (inkohärentes Photonengas oder hochrelativistisches Gas mit sehr hoher Temperatur):
d.h. .
Es folgt, dass die Spur wie beim Energie-Impuls-Tensor des elektromagnetischen Feldes gleich
Null ist (so muss es für elektromagnetische Strahlung ja auch sein):
Der Energie-Impuls-Tensor in der gekrümmten Raumzeit
Wir übertragen die obigen Energie-Impuls-Tensoren wie üblich in die gekrümmte
Raumzeit, indem wir lokal in einem beliebigen Punkt Riemannsche Normalkoordinaten einführen
(also lokal ein frei fallendes Bezugssystem wählen)
und dann fordern, dass bei ruhender Materie in diesem Punkt der Energie-Impuls-Tensor die obige
Ruhesystem-Form annimmt.
Da wir das an jedem Punkt so machen können, sind zunächst keine Probleme zu erwarten.
Auch für beliebige Bezugssysteme können wir den Energie-Impuls-Tensor angeben, denn
die Formel
ist tensoriell und macht daher auch in beliebigen Bezugssystemen Sinn.
Interessanter wird es dann, wenn wir die Kontinuitätsgleichung
und die damit zusammenhängende
Interpretation des Energie-Impuls-Tensors in die gekrümmte Raumzeit übertragen wollen.
Als Verallgemeinerung der Kontinuitätsgleichung bietet sich die folgende
tensorielle Gleichung an:
mit den kovarianten Ableitungen
Auf diese Weise ist gesichert, dass sich im Grenzfall verschwindender Gravitation
in karthesischen Minkowskikoordinaten
wieder die obige Kontinuitätsgleichung aus der speziellen Relativitätstheorie ergibt.
Man kann diese Kontinuitätsgleichung auch in die folgende Form bringen
(siehe [MV] Kap. 4.6 ):
mit der Determinante der metrischen Matrix.
Die genaue Interpretation der Kontinuitätsgleichung im Sinne der
Energie-Impuls-Erhaltung ist offenbar nicht ganz unproblematisch, wie diese komplizierte
Gleichung vermuten lässt.
Darin spiegelt sich wider, dass Materie und Gravitationsfeld Energie und Impuls
austauschen können. Allgemein ist es keineswegs trivial, für ein System mit Gravitation
überhaupt den Gesamt-Energie und -Impuls sauber zu definieren. Es gibt hierzu verschiedene
Ansätze, die jeweils ihre Vor- und Nachteile haben.
Das verallgemeinerte Gravitationsgesetz (die Einsteinschen Feldgleichungen)
Wenn wir uns das bisher Erreichte ansehen, so könnte man davon ausgehen, dass
wir soweit bereits fertig sind: Wir haben oben
als Ansatz für das verallgemeinertes Gravitationsgesetz
die Gleichung
gefunden, wir kennen den Ricci-Tensor auf der linken Seite
und wir wissen, wie der Energie-Impuls-Tensor auf der rechten Seite
aussieht und wie er (zumindest lokal bzw. im Grenzwert verschwindender Gravitation)
interpretiert werden kann.
Tatsächlich war auch Albert Einstein zu einem bestimmten Zeitpunkt dieser Meinung, bis
sich herausstellte, dass er ein unscheinbares Detail übersehen hatte:
Die Kontinuitätsgleichung!
Kehren wir noch einmal zurück zu unserer Gezeitenkräfte-Argumentation,
die zu der obigen Gleichung
geführt hatte:
An einer Stelle hatten wir in
Analogie zur nichtrelativistischen Gleichung
die relativistische Gleichung
aufgestellt, und für die Massen-Energiedichte , die die benachbarten
Testteilchen sehen, den einfachen
tensoriellen Ansatz
mit dem Energie-Impuls-Tensor gemacht.
Das ist sicher zunächst die einfachste Möglichkeit.
Im nichtrelativistischen Grenzfall ist die innere Teilchenbewegung der Materie
klein und der Druck kann vernachlässigt werden, d.h. die Materie verhält sich wie Staub
und wir haben (siehe weiter oben).
Für kleine Geschwindigkeiten der Testteilchen ist dann ungefähr gleich 1
und es ergibt sich wie gewünscht .
Aber: der naheliegende Ansatz
ist nicht die einzige Möglichkeit, die den richtigen nichtrelativistischen Grenzwert ergibt.
Hier ist ein anderer Kandidat:
mit einer beliebigen reellen Zahl sowie
(analog zum Ricci-Skalar)
und
Für verschwindenden Druck und kleine Geschwindigkeiten ist sowohl
als auch
, so dass
sich für beliebiges reelles der richtige Grenzwert
ergibt.
Aber welchen Wert für sollen wir nun wählen?
Für würden wir unseren alten Ansatz zurückerhalten,
aber diese Wahl scheint keineswegs zwingend zu sein.
Der nichtrelativistische Grenzwert kann diese Frage nicht beantworten.
Aber: die Kontinuitätsgleichung für den Energie-Impuls-Tensor kann es
(da muss man natürlich erst einmal drauf kommen)!
Die Gleichung
bedeutet in Komponenten ausgeschrieben mit unserem erweiterten Ansatz für :
In Raumbereichen ohne Materie und Energie (also
und deshalb auch )
ist demnach weiterhin
, so wie wir das auch weiter oben
geraten hatten. Das ist schon mal gut so.
Bilden wir von dieser Gleichung mit Hilfe der Metrik die Spur
(also ), sodass wir links den Ricci-Skalar bekommen,
so ergibt sich wegen
die
Gleichung
Wir wollen hier nicht im Detail ausrechnen, sondern einfach die Lösung angeben
und diese dann rechtfertigen: der richtige Wert lautet
Und hier kommt die Begründung: Mit ergibt die obige Gleichung
und die Gleichung
vereinfacht sich zu
In diese Gleichung können wir
einsetzen und erhalten
oder umgestellt
Den Tensor auf der linken Seite bezeichnet man auch als Einstein-Tensor:
d.h. unser Ansatz für das verallgemeinerte Gravitationsgesetz lautet nun
Die Begründung für (das haben wir ja bereits verwendet) ergibt sich nun, wenn wir
die vierdimensionale Divergenz bilden. Es gilt nämlich bei verschwindender Torsion
und einer Metrik, die mit der kovarianten Ableitung verträglich ist, die sogenannte
kontrahierte Bianchi-Identität (siehe z.B. [MV2] Kap. 6,7 ; man kann diese Identität
aus der zweiten Bianchi-Identität (siehe
Krümmung )
durch geeignete Spurbildung mit Hilfe der Metrik
nachrechnen – wir überspringen dies hier):
Aus dem verallgemeinerten Gravitationsgesetz folgt damit automatisch
die Gleichung
wie es für den Energie-Impuls-Tensor sein muss.
Dieses Ergebnis erhalten wir nur für .
Wir sehen, mit welchen trickreichen Detail Einstein zu kämpfen hatte!
Es zeigt sich, dass das obige Gravitationsgesetz keine weiteren versteckten Fallstricke enthält.
Außerdem hat es seit seiner Formulierung durch Einstein im Jahr 1915 alle experimentellen Tests
ohne Probleme überstanden und gilt daher als das allgemein akzeptierte Gesetz zur relativistischen
Beschreibung der Gravitation. Fassen wir dies noch einmal zusammen:
Das relativistische Gravitationsgesetz (die Einsteinschen Feldgleichungen):
Der Energie-Impuls-Tensor der Materie und die Krümmung der vierdimensionalen Raumzeit
sind über die sogenannten Einsteinschen Feldgleichungen miteinander verknüpft.
Diese lauten:
Dabei verwenden wir:
Einstein-Tensor:
Ricci-Tensor:
Riemannscher Krümmungstensor:
Ricci-Skalar:
Eine dazu gleichwertige Form ist
mit
denn es gilt
In Raumbereichen ohne Materie und Energie (also
) ist demnach
, aber
muss nicht Null sein (z.B. Gravitation in der leeren Umgebung
eines Sterns).
Aufgrund der kontrahierten Bianchi-Identität
erfüllt der
Energie-Impuls-Tensor automatisch die Kontinuitäts-Gleichung
Herleitung der Einsteinschen Feldgleichungen aus einem Variationsprinzip
Man kann die obigen Einsteinschen Feldgleichungen auch noch über einen anderen Weg
erhalten: über ein Variationsprinzip! Das ist sehr beruhigend, denn unser obiger Weg war
ja nur ein intelligentes Raten, und wenn man dasselbe Ergebnis auch auf einem ganz anderen Weg
erreichen kann, so verstärkt das sicher unser Vertrauen. Allerdings muss man auch
bei diesem alternativen Weg raten, aber nur einmal, und zwar ganz am Anfang:
man muss eine naheliegende Formel für das Wirkungsfunktional des Gravitationsfeldes finden!
Die Ableitung des verallgemeinerten Gravitationsgesetzes aus einem Wirkungsprinzip erfolgte
nicht durch Albert Einstein, sondern durch den Mathematiker David Hilbert, der zu Anfang
des zwanzigsten Jahrhunderts einer der berühmtesten Mathematiker war
(siehe auch Die Grenzen der Berechenbarkeit, Kapitel 1 ).
Man startet mit einem Wirkungsfunktional, das
den dynamischen Feldern (Variablen) der Theorie reelle Zahlen zuordnet.
Genauer:
Man setzt bestimmte Randbedingungen für die Felder in Raum und Zeit voraus
(die Felder müssen zumeist im Unendlichen in Raum und Zeit hinreichend schnell verschwinden)
und betrachtet anschließend irgendwelche beliebigen (stetig-differenzierbaren)
Felder als Funktion von Raum und Zeit,
die diese Randbedingungen erfüllen (sie müssen aber noch keinerlei Bewegungsgleichung erfüllen).
Das Wirkungsfunktional ordnet nun jeder dieser denkbaren Feldfunktionen über ein
Raumzeit-Integral eine reelle Zahl zu – die
sogenannte Wirkung.
Das Prinzip der kleinsten Wirkung besagt nun, dass die
physikalischen Feldfunktionen genau diejenigen sind, bei denen das Wirkungsfunktional
einen minimalen (genauer: einen stationären, d.h. in erster Ordnung konstanten)
Wert für die Wirkung ergibt. Diese Felder erfüllen dann die
Euler-Lagrange-Gleichungen – das sind dann die Bewegungsgleichungen der Felder,
auch Feldgleichungen genannt.
Wie kommt es, dass ein solches Variationsprinzip möglich ist?
Die Quantentheorie gibt dafür eine Begründung an:
In der Feynman'schen Pfadintegralformulierung trägt jede denkbare Feldkonfiguration
(nennen wir die ) mit einem Summanden (genauer: Integralbeitrag)
zur Gesamt-Wahrscheinlichkeitsamplitude eines Messergebnisses bei.
Dabei ist ein geeigntetes Integrationsmaß (die Details dazu sind recht kompliziert)
und ist die Wirkung der Feldkonfiguration (d.h. ist eine Funktion der Raumzeit,
die Werte (Vektoren) im n-dimensionalen reellen Raum (die Feldwerte)
liefert; ein Beispiel für sind
die elektromagnetischen Potentiale).
Wenn nun relativ groß im Vergleich zum Planchschen
Wirkungsquantum ist ( → klassischer Grenzfall),
so löschen sich die wild oszillierenden Quantenamplituden
der vielen denkbaren Feldkonfigurationen
gegenseitig aus, außer bei den Feldern, die fast identische Wirkungen haben, d.h. bei denen
sich kaum mit ändert.
Man sieht also, dass aus Sicht der Quantentheorie die Wirkung das zentrale Element der Theorie
ist. Alleine deswegen ist es wichtig, ein Wirkungsfunktional für die Gravitation zu kennen, das
die Einsteinschen Feldgleichungen reproduziert. Hier ist es:
Das Wirkungsfunktional der Gravitation:
mit
Dabei ist
das invariante Raumzeit-Volumenelement
(siehe Hodge-Sternoperator, Volumenform, Gradient, Divergenz, Rotation ),
ist der Ricci-Skalar und ist die Wirkung der gravitationserzeugenden
Materie. Entsprechend ist die Wirkung des Gravitationsfeldes
(auch Hilbert-Wirkung genannt – daher das kleine unten).
Als dynamische Variable ("Felder") der Theorie dienen die Matrixelemente der metrischen Matrix.
Wir hatten dort vorausgesetzt, dass
der Integrand der Wirkung nur die dynamischen Felder und deren ersten Ableitungen
nach Raum und Zeit enthalten darf. Damit ist garantiert, dass die Feldgleichungen
nur maximal zweite Ableitungen der Felder nach Raum und Zeit enthalten.
Nun enthält der Ricci-Skalar aber auch zweite Ableitungen der metrischen Matrixelemente!
Man kann aber zeigen, dass hier diese zweiten Ableitungen für das Variationsprinzip
irrelevant sind, so dass dennoch in den Feldgleichungen nur maximal zweite Ableitungen
der Metrik auftreten. Details dazu findet man beispielsweise in
Landau, Lifschitz: Lehrbuch der theoretischen Physik, Band II: Klassische Feldtheorie,
§93 Die Wirkungsfunktion für das Gravitationsfeld.
Die minimale Wirkung findet man nun wie üblich, indem man für die metrischen Matrixelemente
in der Wirkung den Ansatz
macht. Darin ist nun die metrische Matrix, für die
die Wirkung minimal ist, und ist die beliebige Abweichung
(die Variation) davon. Das Minimum suchen wir über die Gleichung
Aus Quantenfeldtheorie und Eichfelder, Kapitel 4
wissen wir, dass dies gerade die Funktionalableitung von ist.
Physiker verwenden auch gerne die formale Schreibweise
Die konkrete (trickreiche) Rechnung möchte ich mir hier ersparen. Man findet sie z.B. in
Landau, Lifschitz: Lehrbuch der theoretischen Physik, Band II: Klassische Feldtheorie,
Kapitel XI Die Gleichungen des Gravitationsfeldes, oder auch in
Sean M. Carroll:
Lecture Notes on General Relativity, Kapitel 4 Gravitation sowie in
G. 't Hooft:
Introduction to General Relativity,
Kapitel 8 The Action Principle.
Das Ergebnis lautet:
Der Vergleich mit oben ergibt
Wir definieren nun den Energie-Impulstensor über die Gleichung:
oder anders geschrieben
Damit ergibt
mit
gerade die Einsteinschen Feldgleichungen
Übrigens ist die obige Gleichung
in der allgemeinen Relativitätstheorie eine ganz allgemeine Vorschrift, um aus einem
Wirkungsfunktional für Materie den zugehörigen Energie-Impuls-Tensor zu definieren,
der automatisch symmetrisch ist.
Dass sich so die bekannten Energie-Impuls-Tensoren ergeben, kann man nachweisen.
Wichtig ist, dass der Energie-Impuls-Tensor nur positive Energien (Massen) repräsentieren darf,
d.h. in einem lokalen Inertialsystem muss positiv sein.
Negative Energien erlauben alle möglichen exotischen Lösungen für die Einsteinschen Feldgleichungen,
z.B. Wurmlöcher oder Warp-Blasen – Star Treck Fans sind sicher begeistert, aber in der physikalischen
Realität führen solche Lösungen zu großen Problemen, und außer in sehr extremen Situationen
(Urknall, Quanten-Gravitation) sollten sie nicht vorkommen.
???
Diskussion des Einsteinschen Gravitationsgesetzes
Die Einsteinschen Feldgleichungen
sind zunächst bei vorgegebenem Energie-Impuls-Tensor
Gleichungen für 16 Matrixelemente ,
die wiederum Funktionen der metrischen
Matrix und ihrer ersten Ableitungen sind
(die wiederum Funktionen von Raum und Zeit sind).
Da es sich um symmetrische Matrizen handelt,
bleiben nur unabhängige Gleichungen
übrig. Da zusätzlich die 4 Gleichungen
gelten, haben wir schließlich nur 6 unabhängige Differentialgleichungen
für die 10 Komponenten der metrischen Matrix.
Es bleiben also 4 Freiheitsgrade in der metrischen Matrix, die
nicht durch die Einsteinschen Feldgleichungen festgelegt werden.
Und das ist auch gut so, denn diese 4 Freiheitsgrade brauchen wir, um Koordinatenwechsel
und damit Bezugssystemwechsel der 4 Raum-Zeit-Koordinaten zu ermöglichen.
Es soll nämlich nicht die metrische Matrix selbst, sondern die Metrik in beliebigen
Koordinaten bestimmbar sein. Analog ändert sich auch oben die Wirkung nicht, wenn
man nur in anderen Koordinaten ausdrückt. Das gesuchte Minimum von ist also eher ein Tal,
das in Richtung der 's verläuft, die durch Koordinatenwechsel ineinander umwandelbar sind.
Tatsächlich kann man zeigen, dass die Einsteinschen Feldgleichungen ein wohldefiniertes Anfangswertproblem
für die Metrik ergeben.
Dazu gibt man zunächst eine raumartige 3-dimensionale Hyperfläche in der Raumzeit vor.
Raumartig bedeutet, dass man in jedem Punkt immer ein lokales Inertialsystem wählen kann,
so dass die unmittelbaren Nachbarpunkte als gleichzeitig angesehen werden können
(den Begriff der Gleichzeitigkeit hatten wir oben bereits näher betrachtet).
Auf dieser Hyperfläche soll nun die Metrik und die Ableitung der Metrik in eine nicht-tangentiale Richtung
zur Hyperfläche vorgegeben sein – das sind die Anfangsbedingungen.
Die Veränderung der Metrik in Richtung weg von der Hyperfläche entspricht in gewissen lokalen
Bezugssystemen der zeitlichen Entwicklung. Diese zeitliche Entwicklung lässt sich nun
mit Hilfe von 6 der 10 Einsteinschen Feldgleichungen bestimmen.
Die übrigen 4 Gleichungen dagegen dienen als Nebenbedingungen, die das Bezugssystem
auf der Hyperfläche einschränken – das braucht man, um eine Zeitkoordinate identifizieren zu können,
denn man kann nicht beliebige Kombinationen von metrischer Matrix und deren Ableitungen
auf der Hyperfläche vorgeben.
Der Formalismus weist große Ähnlichkeiten mit dem Lagrange-Formalismus bei
Eichtheorien auf, bei dem auch nicht alle Lagrange-Gleichungen eine zeitliche Entwicklung
von Funktionen beschreiben (siehe Quantenfeldtheorie und Eichfelder,
Kapitel 4: Die kanonische Quantisierung des freien elektromagnetischen Feldes,
man betrachte dort insbesondere die kanonisch konjugierte Impulskomponente ).
Die Freiheit, das Koordinatensystem und damit das Raum-Zeit-Bezugssystem zu wechseln,
entspricht der Eichfreiheit bei Eichtheorien wie dem Elektromagnetismus.
Man kann hier noch sehr viel weiter ins Detail gehen, doch das würde den Rahmen dieses
Kapitels sprengen. Stattdessen wollen wir noch auf zwei Veranschaulichungen der
Einsteinschen Feldgleichungen eingehen, die ihren physikalischen Inhalt
verdeutlichen.
Die erste Veranschaulichung stammt von Richard Feynman.
Man findet sie in Feynmans Vorlesungen über Physik, Band II Elektromagnetismus und Struktur der Materie
in Kapitel 42 Der gekrümmte Raum sowie in
The Feynman Lectures on Gravitation (Westview Press, Boulder, Colorado, 2002).
Feynman legt dabei den Schwerpunkt auf die Krümmung des Raumes (und nicht der Raumzeit):
Anschauliche Formulierung des Einsteinschen Gravitationsgesetzes nach Richard Feynman:
Greifen wir in einem materieerfüllten Raumgebiet eine Kugel heraus,
die genügend klein ist, so dass die Dichte der gravitationserzeugenden
Materie-Energie-Verteilung innerhalb praktisch konstant ist.
Dann ist der sogenannte Exzessradius für die Kugel proportional zur
in ihr enthaltenen Masse bzw. Energie (über den Druck sagt Feynman hier nichts).
Der Exzessradius ist dabei der
Unterschied zwischen dem Radius , den man aufgrund der gemessenen
Kugeloberfläche nach der euklidischen Formel
berechnet, und dem tatsächlich gemessenen
Kugelradius , also
Damit beschreibt der Exzessradius die Abweichung der tatsächlichen räumlichen Geometrie von der
gewohnten euklidischen Geometrie.
Es gilt
mit der Masse innerhalb der Kugel.
Der Exzessradius der Erde beträgt beispielsweise 1,5 Millimeter, der der
Sonne etwa einen halben Kilometer.
Diese Formulierung ist gleichwertig zum Einsteinschen Gravitationsgesetz,
wenn man sie für Kugeln beliebiger Geschwindigkeit (unterhalb von )
voraußetzt.
Man startet mit einer sehr kleinen (infinitesimalen) kugelförmigen Anordnung von frei beweglichen
winzigen Staubpartikeln. Die Staubpartikel sollen eine so geringe Masse haben, dass ihr Gravitationsfeld
vernachlässigt werden kann. Das Volumen dieser Anordnung zum Zeitpunkt wollen wir mit
bezeichnen.
Zum Startzeitpunkt sollen sich die Staubpartikel relativ zueinander
nicht bewegen, d.h.
Diese Aussage macht nur Sinn, weil wir von sehr
kleinen Anfangs-Abständen zwischen den Staubpartikeln ausgehen, so dass sich die Geschwindigkeiten
in eindeutiger Weise in erster Ordnung
über infinitesimale Parallelverschiebungen miteinander vergleichen lassen.
Bei größeren Abständen ist ein solcher Vergleich ja wegen der Wegabhängigkeit der Parallelverschiebung
nicht möglich.
Kleine Kugel mit Volumen aus frei beweglichen
winzigen Staubpartikeln, die sich zu Beginn in Ruhe befinden.
Nach einer kurzen (infinitesimalen) Zeitspanne wird sich die Position der Staubpartikel
relativ zueinander verändern, sofern ein Gravitationsfeld vorhanden ist.
Im Gravitationsfeld der Erde werden beispielsweise die weiter unten liegenden Staubpartikel
etwas stärker angezogen als die weiter oben liegenden. Die Staubpartikel beschleunigen
relativ zueinander. Das ist genau die Gezeitenwirkung der Gravitation,
die wir oben im Zusammenhang mit der equation of geodesic deviation
bei der Motivation der Einsteinschen Feldgleichungen betrachtet hatten.
Man kann sagen, dass letztlich in dieser equation of geodesic deviation
der physikalische Kern des Einsteinschen Gravitationsgesetzes steckt.
Es wundert daher nicht, dass wir mit dieser Gleichung als Ausgangspunkt wieder zu einer
Beschreibung der Gravitation gelangen werden, die gleichwertig zum Einsteinschen Gravitationsgesetz ist.
Durch die Beschleunigung der Staubpartikel zum Startzeitpunkt verändert sich auch das Volumen
der kugelförmigen Anordnung der Staubpartikel. Die Volumenänderung zum Startzeitpunkt ist zwar Null,
da die Staubpartikel zu diesem Zeitpunkt sich relativ zueinander nicht bewegen, aber die zeitliche
Änderung dieser Volumenänderung (also die zweite zeitliche Ableitung des zeitabhängigen Volumens)
ist nicht Null, denn die Staubpartikel beschleunigen relativ zueinander. Mit Hilfe der
equation of geodesic deviation kann man herleiten:
Anschauliche Formulierung des Einsteinschen Gravitationsgesetzes nach John Baez und Emory Bunn:
Für eine infinitesimale kugelförmige Anordnung (eine Wolke) winziger Testpartikel,
die sich im kugelförmigen Volumen in einem äußeren Gravitationsfeld befinden
und die sich zum Startzeitpunkt relativ zueinander in Ruhe befinden, sodass
ist, gilt folgende Gleichung für die Änderung des Volumenwachstums (oder der Volumenschrumpfung)
zur Startzeit Null:
Da wir als Energie-Massen-Dichte und als
k-Komponente der Flächenstromdichte der k-ten Impulskomponente
(also als Druck in k-Richtung) interpretieren können, besagt diese Gleichung
in Worten:
Die Rate, mit der die Volumen-Änderungsgeschwindigkeit der winzigen
Test-Kugelwolke zur Startzeit anwächst, ist proportional zum Volumen der Wolke zur Startzeit mal
der Summe aus Energiedichte plus Druck in x-Richtung
plus Druck in y-Richtung plus Druck in z-Richtung der gravitationserzeugenden
Materie-Energie-Verteilung im Inneren der Kugel.
Die Test-Kugelwolke selbst soll so leicht sein, dass sie praktisch kein Gravitationsfeld erzeugt.
Die gravitationserzeugende Materie-Energie-Verteilung im Kugelvolumen soll ausschließlich
über die Gravitation auf die Wolke der Testpartikel einwirken, also keine direkten
Zusammenstöße oder Ähnliches.
Diese Formulierung ist gleichwertig zum Einsteinschen Gravitationsgesetz,
wenn man sämtliche kleinen Kugelwolken mit allen möglichen Anfangsgeschwindigkeiten
in Betracht zieht, also alle in allen möglichen lokalen
Inertialsystemen ruhenden Kugelwolken.
Das negative Vorzeichen zeigt, dass eine positive Energie-Massendichte und ein positiver Druck
ein Schrumpfen der Kugelwolke bewirken – Gravitation ist eine anziehende Kraft.
Beim Druck kommt uns das merkwürdig vor, aber es geht hier um die rein gravitative Wirkung
des Drucks. Die Testpartikel der Kugelwolke sollen nicht direkt durch den Druck der
gravitationserzeugenden Materie beeinflusst werden, sondern nur durch deren Gravitationskraft!
Normalerweise spielt der Druck für die Gravitation keine Rolle.
In extremen Situationen oder auch bei Strahlung ist das anders.
In einem Neutronenstern ist beispielsweise der Druck aufgrund des Pauliprinzips enorm groß –
nur so kann er den endgültigen Kollaps des Sterns verhindern.
Der Druck erzeugt hier einen wesentlichen Anteil der Gesamtgravitation des Sterns!
Im leeren (aber nicht gravitationsfreien) Raum, z.B. außerhalb eines Sterns, ist die
rechte Seite der Gleichung gleich Null.
Somit ist auch
d.h. das Volumen der kleinen Test-Kugelwolke ändert sich nicht
(denn
war ja ebenfalls Null). Die Wolke kann aber immer noch
aufgrund lokal unterschiedlich starker Gravitationskräfte
verzerrt werden, z.B. in einer Richtung gedehnt und in den beiden anderen Richtungen gestaucht werden, so dass
ein volumengleicher Ellipsoid entsteht – man spricht von Gezeitenkräften
(engl.: tidal forces).
Die obige Überlegung ermöglicht es auch, im Krümmungstensor den Anteil des Ricci-Tensors
und den des Weyl-Tensors (siehe oben) anschaulich zu unterscheiden:
Im Einsteinschen Gravitationsgesetz steht der Ricci-Tensor, der für die
Volumenänderung unserer kleinen Testwolke verantwortlich ist.
Diese Volumenänderung wird durch Energiedichte und Druck am Ort der Wolke bewirkt
– genau das sagt das Einsteinschen Gravitationsgesetz.
Der Weyl-Tensor dagegen besagt, wie sich die Testwolke bei konstantem Volumen im Gravitationsfeld
aufgrund der Gezeitenkräfte verformt.
In materiefreien Raumbereichen ist der Ricci-Tensor Null, nicht aber der Weyl-Tensor!
Der Ricci-Tensor bewirkt eine Volumenänderung
der winzigen (nahezu masselosen) Kugel-Staubwolke, da er über das Einsteinsche Gravitationsgesetz
mit der gravitationserzeugenden Materie-Energie-Dichte und dem Druck in dem Kugelvolumen
verknüpft ist.
Der Weyl-Tensor bewirkt dagegen eine volumengleiche Verformung der Wolke,
was die Gezeitenkräfte auch im Vakuum widerspiegelt (z.B. im äußeren Gravitationsfeld der Erde).
Die kosmologische Konstante
Zum Abschluss wollen wir noch einen Zusatz diskutieren, den man in den Einsteinschen Feldgleichungen
anbringen kann: die kosmologische Konstante.
Mit kosmologischer Konstante lauten die Einsteinschen Feldgleichungen:
Man kann sich vorstellen, dass zum Energie-Impuls-Tensor
ein Term
hinzukommt. Diesen Term kann man als Energie-Impuls-Tensor des Vakuums interpretieren.
Demnach besitzt das Vakuum eine Energiedichte
und einen negativen Druck
(das negative Vorzeichen stammt von den räumlichen Diagonalelementen der metrischen Matrix).
Die Formel
für den Energie-Impuls-Tensor des Vakuums garantiert, dass unter den lokalen Inertialsystemen
keines als ruhend ausgezeichnet ist, denn in allen gleichförmig gegeneinander bewegten
lokalen Ruhe-Inertialsystemen hat der Vakuum-Energie-Impuls-Tensor dieselbe Form
(ein Boost verändert ja die Minkowski-Metrik nicht).
Setzen wir den Vakuum-Energie-Impuls-Tensor in unsere obige anschauliche Formulierung des Gravitationsgesetzes
mit Hilfe der kleinen Test-Kugelwolke ein, so erhalten wir
für das Volumen dieser Wolke
Das Kugelvolumen wächst also bei positiver kosmologischer Konstante, d.h. der Vakuum-Energie-Impuls-Tensor
wirkt abstoßend!
Das liegt daran, dass der negative Druck des Vakuums zwar denselben Betrag
wie die positive Vakuum-Energiedichte hat, aber
wegen der drei Raumdimensionen auch dreimal gezählt wird und so die positive Energiedichte
mehr als kompensiert.
Jede kleine Kugel aus Testteilchen dehnt sich bei einer positiven
kosmoligischen Konstanten letztlich beschleunigt aus.
Man kann dies so interpretieren, dass sich der Raum insgesamt beschleunigt ausdehnt; ein immer schneller
expandierendes Universum
ist die Folge, sofern die Wirkung der kosmologischen Konstante gegenüber dem Energie-Impuls-Tensor
der Materie dominiert.
Seit 1998 hat man aufgrund der Messung von Helligkeit und Rotverschiebung
weit entfernter thermonuklearer Sternexplosionen (sogenannte Supernovae vom Typ Ia) klare Hinweise darauf,
dass sich unser Universum tatsächlich beschleunigt ausdehnt.
Es ist also sehr wahrscheinlich, dass die kosmologische Konstante in unserer Welt tatsächlich positiv ist
und der leere Raum tatsächlich eine entsprechende Energiedichte und negativen Druck besitzt.
Man spricht auch von der Dunklen Energie, die den Raum gleichförmig durchdringt.
Ursache könnten sogenannte Vakuum-Quantenfluktuationen sein, aber ob das so ist, bleibt unklar,
denn Abschätzungen der Energie dieser Vakuum-Quantenfluktuationen liefern viel zu große Werte.
Die Dunkle Energie ist damit eines der großen ungelösten Mysterien unseres Universums.
Literatur:
Feynman Vorlesungen über Physik, Band II Elektromagnetismus und Struktur der Materie
Landau, Lifschitz: Lehrbuch der theoretischen Physik, Band II: Klassische Feldtheorie
[MV] Matt Visser:
notes on general relativity,
Math 465
[MV2] Matt Visser: Math 464: Notes on differential geometry,
Victoria University of Wellington, New Zealand, 2004
Roman U. Sexl, Helmuth K. Urbantke:
Gravitation und Kosmologie,
Die Zitate Einsteins findet man an vielen Stellen im Internet sowie
in
Abraham Pais: Raffiniert ist der Herrgott...,
Albert Einstein – eine wissenschaftliche Biographie,
Spektrum Akademischer Verlag